BEFREIT

Ein Seufzer entfuhr ihrer schmalen hözernen Brust als sie erwachte. Es mußte ein tiefer Schlaf gewesen sein, dumpf, traumlos, wie betäubt. Sie setzte sich vorsichtig auf und rieb sich ihre schmerzenden Handgelenke. Erst jetzt bemerkte sie es, da war keine Schnur mehr, ihre Hände waren frei. Vorsichtig drehte sie zuerst ihre linke, dann ihre rechte Hand ohne hinzublicken, um zu spüren ob da wirklich nichts mehr war was sie fesselte. Dann tastete sie ungläubig mit einer Hand die Handgelenke ab, zuerst das eine dann das andere, staunend und nicht begreifend. Wie war das geschehen? Wieso waren ihre Hände nicht mehr gebunden?

 

Sie versuchte sich zu erinnern, daran, wie alles angefangen hatte. Dunkel stieg ein Bild in hier hoch, wie der Meister tief über den Tisch gebeugt saß und mit ungeschickten Fingern zuerst versuchte ihr Gesicht zu schnitzen. Schmerzhaft war es gewesen, als er mit dem stumpfen Messer versuchte ihre Gestalt herauszuarbeiten. Manchmal wäre sie beinahe versucht gewesen einzugreifen und ihm zuzurufen, ja, dort ein bißchen tiefer, nein, nicht so schräg einschneiden. Aber kein Laut kam über ihre Lippen, so sehr sie sich auch anstrengte. Stumm mußte sie diese Prozedur über sich ergehen lassen. Manchmal fluchte er laut auf, wenn ihm ein Schnitt mißglückte und das Messer an dem harten Holz abglitt. Zweimal hatte er sich dabei in den Finger geschnitten. Etwas Blut war auf das Holz getropft und in die feinen Poren eingedrungen und so sehr er auch mit seinem großen, schmutzigen Taschentuch, das er vorher angespuckt hatte über den Fleck rieb, das Blut blieb wo es hingetropft war.

 

Endlich war das Gesicht vollendet. Aus großen leeren Augenhöhlen schaute sie um sich. Alles war vollgeramscht. Bretter über Bretter, Schichten aus Papier und Werkzeug wild durcheinander, hoch aufgetürmt lagen auf den Hobelbänken. Dazwischen war alles bedeckt mit Holzlocken, Töpfen mit eingetrockneter Farbe, Leimpotten, Pinsel, Tüchern. Ein fahles Licht drang durch die schmutzigen Fensterscheiben, die Jahrzehnte nicht mehr geputzt  und beinahe schon blind geworden waren. Ächzend erhob er sich nach einiger Zeit und ließ sie liegen.

 

Sie versuchte sich deutlicher zu besinnen, was dann geschehen war. Nach einiger Zeit war er zurückgekehrt. Er roch jetzt anders, aber sie konnte sich diesen Geruch nicht erklären. Irgendwann rülpste er und ein Tropfen rann ihm übers Kinn. Er wischte sich über sein Gesicht und ergriff sie mit seinen klebrigen Fingern. Sie zitterte leicht, als er ihr die Haken in den Kopf und ihren Rumpf schlug, dort, wo eigentlich die Arme und Beine hätten sein sollen, um die GLIEDmaßen zu befestigen, die er geschnitzt hatte. Endlich war er fertig und legte sie nackt und bloß auf die Hobelbank.

 

Sie versuchte etwas mit den kleinen Händen festzuhalten, aber sie konnte ihre Finger nicht bewegen und steif entglitt ihr der Zipfel des Tuches wieder, den sie versucht hatte zu erhaschen. Sie versuchte den Kopf zu bewegen, aber es gelang ihr nicht.  Kurze Zeit später hob er sie wieder hoch und begann sie mit einer kalten, zähen Masse zu beschmieren, die ihre Poren verklebte. Sie fühlte sich so hilflos. Zufrieden grinsend malte er noch Augen und Mund und legte sie, nachdem er sie nach allen Seiten gedreht und gewendet und begutachtet hatte auf ein Tuch. Da lag sie nun. Immer noch nicht konnte sie den Kopf bewegen. Starr blickte sie in eine einzige Richtung. Wenigstens war das kalte klibberige Gefühl am ganzen Körper verschwunden und sie fühlte sich glatt und schön.

 

Am nächsten Morgen wurde sie wieder hochgehoben und eingekleidet. Eine Hose mit Spitzen, eine Perücke und ein Kleid mit Schärpe vervollständigten ihre Erscheinung. Dann nahm er Faden und begann ihre Arme und Beine daran festzubinden. In den Kopf hakte er eine Metallstange. Als alles erledigt war, ließ er sie auf und ab marschieren und zog und drehte ihren Kopf hin und her. Wie war sie dankbar um diese Bewegung, nach der ganzen langen starren Warterei. Endlich konnte sie in die Welt hinausgehen, deren Geräusche manchmal durch die geschlossene Türe hereindrangen, dachte sie. Begierig blickte sie um sich und versuchte möglichst in alle Ecken zu spähen. Aber er ließ sie nicht machen was sie wollte, sondern ruckartig hob und senkte er ihre Arme und Beine, und ließ sie auf dem Boden durch den ganzen Staub hampeln. so verzweifelt sie auch versuchte sich zu widersetzen, es gelang ihr nicht. er zog und drängte sie in jede Richtung, ganz nach seinem Willen. Es blieb ihr  gar nichts anderes übrig als mitzumachen, denn jede Gegenbewegung schnitt tief in ihre Handgelenke, Arme und Beine oder riß an ihren Haaren. Sie war vollkommen willenlos geworden, oder anders ausgedrückt,  ihr Wille schien überhaupt keine Bedeutung zu haben.

 

Als er sich satt  und sie genug marschieren gesehen hatte, nahm er sie und trug sie in sein großes Zimmer, wo sie alle hingen, dicht an dicht und drauf warteten endlich heruntergeholt und aus ihrer Bewegungslosigkeit erlöst zu werden. Manche schienen dies noch niemals erlebt zu haben, manche jedoch wurden täglich auf der Bühne vorgeführt, wie sie bald herausgefunden hatte. Das sollte ihr Leben sein? Sie glaubte es nicht und wartete geduldig auf irgendeine Änderung ihres Daseins. Die Zeit verging. Immer seltener wurde sie geholt, immer verzagter wurde sie. Wozu hatte sie jetzt diese schönen Kleider, wenn sie niemandem mehr vorgeführt wurde? Eines Tages war es ganz still. Ein tiefes Schweigen lag über allem und nichts bewegte sich mehr.

 

 Da plötzlich ging die Türe auf, jemand nahm sie von ihrem Platz, schnitt vorsichtig die Fäden von ihren Gelenken, entfernte den schmerzenden Haken aus ihrem Haar und setzte sie aufrecht auf die Tischkante. Steif sah sie sich um. Sie begriff noch nicht.